„Über den Begriff der Geschichte“

„Geschichtsphilosophische Thesen“ von Walter Benjamin

Referent: Walter Schmid
Samstag, 14. Oktober 2017, 16 Uhr

Freidenker-Zentrum, Bayenstraße 11, 50678 Köln
(erreichbar mit der KVB- Bahn-Linie 15 u. 16 Haltestelle “Ubierring”
bzw. KVB-Bus-Linie 133 Haltestelle “Rheinauhafen”)

Die Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ des in Berlin geborenen Philosophen Walter Benjamin, eines assimilierten Juden, der sich 1940 auf der Flucht vor den deutschen Faschisten in Portbou (Katalonien) das Leben nahm, ist in einer Vielzahl von Arbeiten zitiert worden. Einige von Benjamins Metaphern sind zu geflügelten Worten geworden. Am bekanntesten sind der „bucklige Zwerg“ aus These I, der einem „Schachautomaten“ stets zum Sieg verhilft, und der „Engel der Geschichte“ aus These IX, den ein »Sturm […] unaufhaltsam in die Zukunft [treibt], der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen [der Geschichte] vor ihm zum Himmel wächst.« „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.“ Die Sätze stammen aus Benjamins Notizen zu den Thesen „Über den Begriff der Geschichte“. Sie sind einem Teil des Benjamin-Memorials in Portbou eingraviert. In seinen Thesen spricht Benjamin von »Generationen Geschlagener« – »auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.« Benjamin gibt uns den Hinweis: »Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen ›wie es denn eigentlich gewesen ist‹. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt. Dem historischen Materialismus geht es darum, ein Bild der Vergangenheit festzuhalten, wie es sich im Augenblick der Gefahr dem historischen Subjekt unversehens einstellt. Die Gefahr droht sowohl dem Bestand der Tradition wie ihren Empfängern. Für beide ist sie ein und dieselbe: sich zum Werkzeug der herrschenden Klasse herzugeben. In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.«

Worum geht es beispielsweise in der Diskussion um das Holocaust-Mahnmal? Geht es darum, „ein Bild der Vergangenheit festzuhalten, wie es sich im Augenblick der Gefahr [uns Deutschen heute] unversehens einstellt“? Oder geht es darum, „in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin an unsere fortwährende Schande (zu) erinnern. Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist.“ So Rudolf Augstein, der Gründer und langjährige Herausgeber des „Spiegel“ in einem Kommentar vom 30. November 1998. Oder wie der AfD-Politiker, ein deutscher Geschichtslehrer, am 17. Januar dieses Jahres in einer Skandalrede formulierte: »Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.«

»Die zentralen Kategorien der Thesen Über den Begriff der Geschichte verleugnen nirgends ihre theologische Herkunft. Zugleich aber finden sie sich in deren Kontext durchgängig in anthropologisch-materialistische und damit im Sinne Benjamins in politische Begriffe verwandelt.«, so der Germanist Uwe Steiner in in seiner Benjamin-Monografie. Unter dieser Prämisse sollen die Thesen samt ihrer Entstehungsgeschichte dargestellt werden, nicht einzeln, sondern in Sinnzusammenhängen und immer wieder in Rekurs auf Marx und marxistische Philosophen. Helfen sie auch der Diskussion über deutsche Erinnerungskultur? Auch darüber wollen wir diskutieren.

Wer will, kann sich auch schon vorher den relativ kurzen Text durchlesen, der auch im Internet verfügbar ist unter; http://www.textlog.de/benjamin-begriff-geschichte.html

EINTRITT FREI – SPENDEN WILLKOMMEN

Walter Schmid (Jg. 1953), wohnhaft in Oberfranken, Studium der Mathematik, Physik, Soziologie/Politikwissenschaft an der PH Ludwigsburg, Lehrer bzw. Konrektor an verschiedenen Grund- und Hauptschulen ( 1976 bis 2010), Lehrbeauftragter für Didaktik der Mathematik; Nicht-abgeschlossenes berufsbegleitendes Studium der Philosophie, neueren deutschen und europäischen Literaturwissenschaft an der FernUni Hagen, Vortragstätigkeit zu philosophischen und historischen Themen. Von 1996 bis 2014 war Walter Schmid 1. Vorsitzender der Freidenkerinnen & Freidenker Ulm/Neu-Ulm